11. Februar 2011

Ihre Eltern hätten sich wohl nie träumen lassen, was aus dieser Tochter einmal werden wird. Finanziell waren sie so klamm, dass sie Stück für Stück ihr Land verkauften, um dem Mädchen eine Ausbildung zu ermöglichen. Das zahlte sich aus, denn Jahre später nannte das „Time Magazine“ genau diese Frau eine der wichtigsten 100 Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Und wenn wir heute etwas im Kopf haben, das wir Umweltbewusstsein nennen, ist es insbesondere durch diese Amerikanerin dort hinein gekommen.

Rachel Carson (1907 – 1964)

Rachel Carson (1907 – 1964)

Ihr Name: Rachel Carson. Sie studierte Literatur und später, das war 1928, wechselte sie zur Zoologie. Obwohl sie ihren Abschluss in Biologie mit Auszeichnung machte, startete sie keine typisch wissenschaftliche Karriere. Als Frau hätte sie damals auf diesem Feld eine unsichere Existenz gehabt, darum zog sie es vor, freiberuflich für die Fischereibehörde zu arbeiten.

Wie eine Prophetin

Ihre Leidenschaft war das Wasser. Und so erschien 1941 ihr erstes Buch mit dem Titel „Unter dem Seewind“, 1951 ihr zweites. „Geheimnisse des Meeres“ hatte sofort einen Platz in der Bestsellerliste der New York Times und blieb dort zwei Jahre lang. Mit diesem Buch brachte sie in geradezu prophetischer Weise ein ganz neues Thema in die Öffentlichkeit. Sie erkannte schon damals den Golfstrom als einen globalen Wärmeregler und ging der Frage auf den Grund, was eine Veränderung des Golfstroms nach sich ziehen wird. Rachel Carson schrieb: „Die eigentliche Tendenz ist einer wärmeren Erde zugeneigt; das Pendel schwingt weiter in diese Richtung.“

Ihre erzählenden Sachbücher fanden in den fünfziger Jahren weltweit immer mehr Leser. Das hatte auch mit so bedrohlichen Aktionen wie den Atomwaffenversuchen und dem Versenken nuklearen Abfalls im Meer zu tun. Aber nicht nur durch die Ängste der Öffentlichkeit wurden Carsons Bücher regelrecht gefressen. Weil diese Frau etwas Wesentliches kapiert hatte, fanden ihre Texte reißenden Absatz. Sie spürte: Nur was der Mensch kennt und liebt, ist er auch bereit zu schützen. Und da sie Literatur und Zoologie studiert hatte, fand sie Worte, die nicht nur ankamen. Was sie schrieb, berührte, ging unter so manche Haut.

Diese Aktion machte ihr Angst

Rachel Carson gab sich nicht damit zufrieden, wissenschaftlich zu recherchieren und zu schildern. Sie lieferte ihren Lesern eine geradezu poetische Beschwörung, wenn sie beispielsweise schrieb: „Der Küstensaum der See ist von besonderer Eigenart und Schönheit. Während der ganzen langen Erdgeschichte kam dieses Gebiet nie zur Ruhe; schwere Sturzseen rollten gegen seine Ufer, die Flut drang über das Festland vor, wich zurück und kehrte erneut wieder.“

Furcht bekam diese Frau, als sie hörte, wie die USA in Long Island gegen eine Mottenplage vorgingen. Sie setzten das Pestizid DDT ein und ließen einen wahren Giftregen von Flugzeugen auf das Land fallen. Carson hörte auch, dass ein Ornithologe bereits das Land verklagt hatte, weil Vögel und Bienen sowie nützliche Insekten und Fische Schaden nähmen. Ihre große Angst war es, wie sie später einmal sagte, „dass ich nie wieder fröhlich dem Gesang einer Drossel lauschen könnte, wenn ich nicht alles getan hätte, was ich könnte“.

Was ihre Kritiker verschweigen

Was sie konnte, war wissenschaftlich denken und arbeiten. Und nicht nur das: Sie verstand es auch, ihr Wissen so poetisch unters Volk zu bringen, dass ihre Sorge bald auch Volkes Sorge wurde. Das gelang ihr vor allem mit ihrem Meisterwerk „Der stumme Frühling“.

1964 starb Rachel Carson. Noch heute werfen ihre Kritiker ihr einen allzu populären Schreibstil vor. Gern verschweigen sie, dass Carson als wissenschaftlich und analytisch denkende Autorin alles andere als blauäugig war. Den Schutz gegen Insekten lehnte sie nie ab, aber sie forderte einen gewissenhaften Umgang mit dem starken und billigen Gift DDT. In den sechziger Jahren wurde DDT verboten, und dieses Verbot ist nicht zuletzt ihr zu verdanken.

„Ein tiefes Glück gefunden“

Als sie ihren eigenen Tod bereits vor Augen hatte, schrieb sie ihrer Freundin Dorothy Freeman. In diesem Brief verglich sie menschliches Leben mit dem eines Schmetterlings, eines Monarch-Falters: „Wenn dieser unfassbare Lebenszyklus abgelaufen ist, so ist es eine natürliche und keineswegs bedauerliche Angelegenheit, dass ein Leben an sein Ende kommt. Dies haben mich jene hell leuchtend flatternden Stückchen Leben gelehrt.“ Und darin habe sie „ein tiefes Glück gefunden“.

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